Moesano: die Grotti vom Cama. Ein Potenzial, das durch Interreg wiederentdeckt und in Wert gesetzt wird

Der Begriff „Grotto” (oder „Crotto”) kommt vom lateinischen Wort „cripta“ (deutsch: Krypta), das für Kaverne, Grube oder den unter dem Chor gelegenen Teil einer Kirche steht. Das Grotto stellt ein interessantes Kulturelement dar, das man im italienischsprachigen Teil Graubündens in Brusio, im Bergell und im Misox findet. Die Grotti im Misox und im Bergell sind aufgrund ihrer verwandten geologischen Eigenschaften recht ähnlich, davon unterscheiden sich hingegen die gleichnamigen Phänomene in Brusio. Im Misox findet man auf mehrere Ortschaften verteilt über 100 Grotti. Der Grossteil davon, insgesamt 46, befindet sich in Cama und bildet damit den wichtigsten Kern in Graubünden und einen der charakteristischsten in der Schweiz. Ähnliche Grotti wie im Misox gibt es sonst nur im Chiavennatal und entlang des Westufers des Comer Sees, im Tessin, in Borgofranco di Ivrea und in Böhmen. Ein von italienischer Seite initiiertes Interreg-Projekt hat zum Ziel, bei der UNESCO das Bewusstsein für diese europaweit auftretenden aussergewöhnlichen Kulturphänomene zu wecken. Wenn man an die Grotti von Cama denkt, denkt man häufig an die Ferien und an die ausgelassene Zeit, die man dort mit Freunden verbringen konnte. Ursprünglich jedoch war die wirtschaftliche und private Funktion der Grotti, die für die Bauernfamilien als Kühlräume dienten, wichtiger. Im Misox sind vor allem die öffentlichen Grotti auf der rechten (San Vittore, Cama und Lostallo) und linken Seite des Tals (Roveredo und Leggia) bekannt, während die Grotti in Verdabbio in den letzten Jahrzehnten praktisch in Vergessenheit gerieten. Die Stiftung zur Revitalisierung der Grotti (FRG) betreut ein Projekt zur Wiederherstellung des gesamten Kerns der Grotti in Cama, sicherlich eines der wichtigsten in der Schweiz dank seines dorfähnlichen Erscheinungsbildes. Im Richtplan der Gemeinde Cama wird den Grotti ein besonderer Bereich zugewiesen, die sogenannte „Grotti-Zone“. Auf der rechten Talseite verteilen sich die Grotti innerhalb eines 500 Meter langen Streifens auf einer Höhe zwischen 360 und 400 m, der quer zum Talboden verläuft und fast vollständig von Wald bedeckt ist. Wenn man an heissen Sommertagen die Grotti-Zone betritt, nimmt man umgehend eine angenehme und einladende Kühle wahr. Die Zone ist für den motorisierten Verkehr gesperrt, mit Ausnahme von Anlieferungen für Renovierungsarbeiten und Gastronomiebetriebe, und wird von einem Netz von Fusswegen durchzogen. Fast alle Grotti wurden auf öffentlichen Grundstücken erbaut, meistens befindet sich lediglich die bebaute Fläche in Privatbesitz. Ein kleiner öffentlicher Brunnen versorgt das Gebiet mit Trinkwasser.

Die Entstehung der Grotti
Durch bei einem Bergsturz herabgestürzte Felsen sind zwischen diesen zahlreiche Zwischenräume und Spalten entstanden, die bis tief in den Untergrund reichen. Unterirdische Wasserläufe, die entlang des Hangs verlaufen, produzieren entgegen laufende Luftströmungen, die einen Ausweg suchen. Diese Strömungen lösen wiederum Luftzüge aus, die im Dialekt „fiadirée“ genannt werden. Da es sich um Luft handelt, die aus dem Untergrund kommt, ist ihre Temperatur stets konstant (zwischen 3°C und 12°C). Um ein Grotto zu bauen, suchte man in der Vergangenheit zunächst ein „fiadirée“, das nur dann als brauchbar angesehen wird, wenn der Luftzug an der Austrittsstelle ausreichte, um die Flamme einer Kerze zu beugen, ohne diese jedoch zu löschen. Sobald ein geeigneter Ort gefunden war, ersuchte man bei der Gemeinde um eine Erlaubnis zur Errichtung eines Grottos rund um den Luftzug herum. Die Qualität eines Grottos definiert sich nämlich nicht durch die mehr oder weniger ausgefeilte Bautechnik, sondern durch seine Kühlungseigenschaften. Nach der Erteilung der Erlaubnis durch die Gemeinde entschied der Bauherr auf Basis seiner Möglichkeiten und Bedürfnisse über die Art von Bauvorhaben. Die Ausgangsmaterialien für den Bau sind Stein, Holz und Eisen. Oft wurden die Natursteinmauern mit Mörtel aus gelöschtem Kalk verputzt oder bloss verfugt, eine grundlegende Technik, um Kühlungsverluste bzw. Wärmeeinflüsse von Aussen zu vermeiden. Der Keller muss mindestens über eine Entlüftung verfügen. In der Mehrzahl der Fälle ist der Keller mindestens zu drei Vierteln seines Volumens in den Boden eingesenkt und 91% der Grotti sind nur durch eine talwärts gerichtete Tür zugänglich. Jeder Keller braucht eine Belüftungsklappe nach Aussen, um die Luftzirkulierung im Inneren regulieren zu können. In den meisten besteht der Boden des Kellers aus naturbelassener Erde, aus der die darunter liegenden, zum Entfernen zu schweren Felsblöcke teilweise herausstehen.


Die Typologien
Im Kern der Grotti in Cama lassen sich 5 Bautypen identifizieren:


Die Revitalisierungsarbeiten
Im Jahr 2003 wurde eine Stiftung gegründet, die sich im die Restaurierung der zerfallenden Gebäude und die Revitalisierung der gesamten Grotti-Zone in Cama kümmert. Dieses Projekt wird vom Schweizer Bund, vom Kanton Graubünden, der Gemeinde und zahlreiche Stiftungen und privaten Organisationen aus der ganzen Schweiz unterstützt und dauert bis 2009. Im Jahr 2004 wurden in einer ersten Etappe die ersten 6 Grotti wiederhergestellt. Die Dächer wurden komplett unter Berücksichtigung der Originaltechniken wiederhergestellt. Die Steinplatten sind alte Platten, die vom gleichen Grotto oder von zerstörten Gebäuden stammen. Das Holz wurde vor Ort und unter Beachtung der Traditionen der Zimmerleute bearbeitet. Auch der Putz wurde vor Ort mit gelöschtem Kalk und nicht gewaschener Erde hergestellt und entspricht damit dem charakteristischen Beige der alten Gebäude. 2005 wurden die Arbeiten an den Gebäuden fortgeführt und der umliegende Wald zurück geschnitten. Sämtliche selbständig gewachsene Bäume zwischen den Kastanienbäumen wurden entfernt. Die Stiftung zur Revitalisierung der Grotti von Cama hat ein Treffen mit der Gemeinde Gordona (in der Nähe von Chiavenna) organisiert und einen „Weg der Grotti“ eingeweiht, der über die Berge führt und die beiden Gemeinden verbindet. Das Arbeitsprogramm für 2006 sieht die Beseitigung des Unterholzes im gesamten Gebiet, die Wiederherstellung von weiteren 7 Grotti und die Verlegung der unterirdischen Infrastrukturen (Frischwasser, Abwasser, Stromversorgung), was sich sowohl technisch als auch finanziell aufwendig gestaltet. Unter Beratung der Forstämter ist ausserdem die endgültige Wiederherstellung der vollständig von Wald bedeckten Terrassen vorgesehen.