| Moesano Das Moesano: Regionale Identität und freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbargebieten (vor zweihundert Jahren sowie heute) Die Erinnerung an den Beitritt Graubündens zur Eidgenossenschaft vor zweihundert Jahren ist Anlass zu zahlreichen Feierlichkeiten und bietet eine günstige Gelegenheit, über die politische Situation und die gesellschaftliche Wirklichkeit in unserem Kanton nachzudenken. Im Moesano verdanken wir die eindrücklichste Veranstaltung den Schulen von Mesocco, welche in der dritten Maiwoche mit der Theateraufführung „Si tenne comunità“ im suggestiven Rahmen der Burg Mesocco an dieses Ereignis erinnert haben. Als roter Faden diente das Tagebuch von Clemente Maria a Marca (Diario Clemente Maria a Marca 1792 – 1819, Mesocco 1999, Ausgabe betreut von Martina a Marca und Cesare Santi). Wir haben die Idee der Lehrer und Schüler von Mesocco aufgenommen und dabei festgestellt, dass die Persönlichkeit von Clemente Maria a Marca, von welchem wir ein Porträt wiedergeben, sich ausgezeichnet dazu eignet, die Region Moesano unseren drei Interregpartnern Valchiavenna, Bergell und regioViamala vorzustellen. Als Politiker, welcher im neu gegründeten Kanton bedeutende Ämter ausübte – zum Beispiel jenes des Grossratspräsidenten und Landrichters – beteiligte er sich an grundsätzlichen Beschlüssen und Entscheiden, welche auch das Bergell und Domleschg sowie den Heinzenberg und das Hinterrheintal betrafen. Mit der Stadt Chiavenna, wo sein Onkel Giovanni Antonio zwischen 1789 und 1793 als commissario wirkte, war Clemente Maria zeitlebens verbunden. Es ist wohl überflüssig darauf hinzuweisen, dass er der letzte Bündner Governatore im Veltlin war und dessen Freiheitsbewegungen mit viel politischem Gespür verfolgte (Siehe die Darstellung des 1797 in Sondrio errichteten Freiheitsbaumes, aus der Publikation der Schulen von Mesocco zu ihrer Theateraufführung). Wenn wir die mannigfaltigen Aktivitäten Clemente Maria a Marcas als Politiker, Grundeigentümer, Geschäftsmann und Bildungsbürger verfolgen, so entdecken wir, wie gar manche Fragen, die ihn beschäftigten, auch heute, nach zweihundert Jahren, noch im Mittelpunkte unserer Arbeit und Projekte stehen. Er besass Grundstücke in der ganzen Region, was ihm erlaubte, im unteren Misox Reben zu kultivieren, in weiten Waldgebieten des Calancatals Holz zu schlagen und auf den Alpen des obern Misox sein Vieh zu sömmern. Er verkaufte den Wein, das Holz und die Milchprodukte nicht nur im Moesano, sondern vor allem an Händler aus dem Tessin und Italien. – Kürzlich und zwar vor allem bei unserer Arbeit am sogenannten Masterplan, dem Versuch zu einem modernen regionalen Richtplan mit Blick in die Zukunft, haben wir feststellen können, dass alle drei Subregionen des Moesano, trotz ihrer beträchtlichen Unterschiede, über eigentümliche Werte und entsprechend spezifische Potenziale verfügen. In Bezug auf unsere Produkte müssen wir uns anstrengen, sie besser zu vermarkten. Es fehlt zum Beispiel ein Label. Vielleicht – wir hoffen es zumindest – führt der neue Nationalpark Rheinwaldhorn/Adula, ein Projekt, das wir zusammen mit den Regionen Surselva, regioViamala e und Tre Valli, zu realisieren suchen, zu einer Wende, was die Bekanntheit unserer Täler betrifft. Clemente Maria a Marca – um das Thema zu wechseln – hatte natürlich nicht die Möglichkeit, zwischen der Kantonsschule Chur und dem Lyzeum Bellinzona zu wählen. Er absolvierte die höheren Studien aber sowohl in Deutschland, und zwar in Regensburg, als auch in Mailand und gehörte folglich praktisch zwei Kulturen an; gewiss eine wichtige Grundlage für seine wirtschaftlichen und politischen Erfolge. Im kurzen Zeitraum von zwei Jahren, da das Moesano, aufgrund napoleonischer Logik, zum Tessin gehörte, verweigerte Clemente Maria a Marca die Zusammenarbeit mit Bellinzona keineswegs. Als aber das Moesano, dank dem historisch-politischen Realitätssinn von Napoleon Bonaparte, zu Graubünden zurückkehrte, stellte er sich sogleich für wichtige politische und richterliche kantonale Ämter zur Verfügung. Heute stellt niemand die Zugehörigkeit des Moesano zu Graubünden ernsthaft in Frage, welche es dem Moesano ermöglicht, die eigene Identität und Selbstständigkeit zu bewahren. Man sollte aber dem Tessin freundnachbarlich zu verstehen geben, das in Anwendung des Prinzips der variablen Geometrie, je nach Sachgebiet und Projekt, eine engere Zusammenarbeit mit dem Moesano von beidseitigem Nutzen sein könnte. Interessanterweise war Clemente Maria a Marca auch einer der wichtigsten Förderer des Baus der italienschen Strasse durch das Misox, welcher 1818 begonnen und bereits 1822 beendet wurde, nach dem Tod a Marcas also. Die Bedeutung des Baus der italienischen Strasse kann ohne weiteres mit der Realisierung der heutigen A13 verglichen werden, als rasche Verbindung zwischen Nord und Süd, zwischen dem Kantonshauptort Chur und dem Wirtschaftsraum Tessin. Diese Verbindung ist – trotz der notwendigen und dringlichen technischen Verbesserungen wie insbesondere die Umfahrung von Roveredo – von grösstem Interesse für unsere Region und vor allem für die Tourismusdestination San Bernardino, die Industriebetriebe im untern Misox sowie als Wohngebiet von Qualität für die Agglomeration Bellinzona. Vor der Realisierung der Verkehrsachsen durch die Alpen wurden die Verbindungen zwischen den angrenzenden Gebieten häufiger benützt, wie zum Beispiel der damals wichtige Forcolapass. Aber: in diesem Zusammenhang besteht eine Vision und zwar jene eines Eisenbahntunnels zwischen Chiavenna und dem Misox. Diese Überlegung führt uns zurück zum Governatore Clemente Maria a Marca und zu einer seiner wesentlichsten Eigenschaften: sein Internationalismus, der sich überall im Tagebuch bemerkbar macht. Auch wir suchen die Öffnung über die nationalen Grenzen. Und was ausserdem überrascht: dank unseren Beziehungen zu Valchiavenna intensivieren wir auch unsere Kontakte mit der regioViamala und dem Bergell! |
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